Kinderkram

Heute reden wir mal über meine Kinder. Ich schreibe den Beitrag übrigens jetzt zum 3. Mal. Der erste endete mit erhobenem Zeigefinger, weil ich finde, dass wir häufig in einer kinderfeindlichen Gesellschaft leben. Das war aber eigentlich nicht mein Ziel, darum hab ich es gelöscht.

Der zweite Beitrag endete für mich fast tränenreich, weil mir so unheimlich viele Kinder leid tun. Wenn dieser scheußliche Film über Kindererziehung (über den gerade alle reden) in die Kinos kommt und Nachahmer findet, dann werden es noch viel, viel mehr Kinder die mir leid tun.

Jetzt bin ich per se keine Kinderexpertin, weil ich mal 2 davon auf die Welt gepresst habe. Wahrlich nicht. Genauso wie jemand 57 Jahre Hunde halten und trotzdem überhaupt keine Ahnung haben kann. Was für mich und meine Familie gilt, kann für andere ganz schlecht oder einfach falsch sein. Ich will auch keinen Ratgeber schreiben. Ich möchte nur von Dingen erzählen, die ich im Lauf meines Mutterseins als hilfreich, für mich richtig und gut empfunden habe. Manchmal schlichte Erkenntnisse aus dem Training mit Tieren.

Als meine Kinder noch sehr klein waren hat mich oft der Satz gerettet, dass sie absolut nichts tun um mich zu ärgern. Vielmehr geht es um unerfüllte Bedürfnisse, manchmal auch Schmerzen, aber nicht um das Austesten von Grenzen, Manipulation der Eltern oder Dominanzgedöns. Ich glaube wenn man bei so kleinen Menschen schon auf diese Ideen stößt und ihnen glaubt, dann wird das Leben für die Kinder hart und unfair. Je klüger die Leute sind , desto eher nehmen sie Bücher in die Hand. Wenn du also den oben aufgeführten Mist glaubst, lies mehr. Lies darüber warum Babys noch unfertig geboren werden, warum sie noch keinen Schlafrhythmus haben und dagegen auch kein Schlaftraining hilft. Das macht sie nur hilf- und hoffnungslos. Lies warum körperliche Zuwendung und Trost, Geduld und Liebe so wichtig sind, auch wenn man brüllt. Gerade dann. Ist übrigens fast so ähnlich, als wenn du weinst.

Wenn Kinder dann anfangen über Worte zu kommunizieren, wird vieles einfacher und doch schwerer. Denn plötzlich sagen die Knirpse „nein“. Hier hat mir beim darüber nachdenken geholfen, dass meine Kinder zu anderen Menschen „nein“ sagen sollen und dürfen. Wenn sie keinen Körperkontakt wollen, wenn sie blödem Gruppendruck standhalten müssen oder einfach für sich selber entscheiden etwas nicht tun zu wollen. Und wo übt man Verhalten? Na zu Hause. Darum sagen sie dann eben auch zu dir nein (man lernt schnell Fragen oder Wünsche zu formulieren, auf die man nicht mit ja oder nein antworten kann). In diese Zeit fallen auch die Trotzphasen . Die haben mich anfangs so viele Nerven gekostet und sind bei beiden Kindern sehr unterschiedlich verlaufen. Dann habe ich irgendwo gelesen, dass diese Phasen nur entstehen, weil sich die Kinder ein Stück weiter abnabeln und die Eltern nicht los lassen.

Hui, das fand ich spannend. Ich habe beobachtet was die Kinder glauben alleine zu können und tatsächlich war immer irgendetwas da, was wir verändern konnten. Weniger Hilfe, mehr eigene Entscheidung, mehr Selbstständigkeit. Danach war es ein Klacks.

Als die Kinder in den Kindergarten kamen mussten wir mit der Trennung umgehen, mit teilweise komischen Ansichten von Erzieherinnen, gewalttätigen anderen Kindern und seltsamen Richtlinien. Ich hörte Sätze wie „Kinder die nicht puzzeln lernen niemals Mathe“, „alle Kinder müssen aufessen“ und anderen Quatsch. Zu dieser Zeit war mein Bauchgefühl aber schon gut. Soll heißen, was mir nicht einleuchtet, was einfach nur abwertend oder entgegen jeder Leentheorie ist, kann ich geschmeidig überhören oder Kontra geben. Eins dürfen wir nicht vergessen: Niemand kennt unserer Kinder besser als wir selbst. Sie sind keine Engel und keine Teufel. Sie machen Quatsch, mobben, schummeln, verstecken und zerstören. Aber sie lachen auch köstlich, fragen um Hilfe, sind sozial, hilfsbereit, lernbereit, neugierig und klug. Und sie haben 10000 Facetten. Darum mag ich auch keinen Etiketten aufkleben (es sei denn, sie sind wunderbar). Kein Kind ist andauernd dominant, wie man hier sagt „muksch“ (beleidigt), brutal oder dumm. Und wenn das bis jetzt bei den Erwachsenen nicht so gut geklappt hat, dann brauchen sie jetzt ihre Eltern als Verbündete die ihnen zuhören, vertrauen und glauben (nicht alles und immer) aber erstmal.

Und dann werden sie rasend schnell älter und gehen in die Schule. Sie üben weiterhin Sozialverhalten und sind nicht perfekt. Wie ihre Eltern. Sie probieren Sportarten aus, entdecken vielleicht Musik für sich, finden Freunde und erste Hobby kristallisieren sich heraus. Während sie noch mehr oder weniger gut durch die Grundschulzeit kamen, werden die Konflikte durch Hausaufgaben und Schulnoten immer häufiger. Zimmer aufräumen, Medienzeit, Verabredungen und andere Aktivitäten bieten jede Menge Raum für Konflikte. Der Geschwisterkrieg tobt oftmals gnadenlos und langsam werden die verbalen Attacken so, dass ich den ganzen Text schwärzen müsste, würde ich hier einen Dialog wieder geben. In dieser Phase befinden wir uns gerade. Aber auch hier helfen mir viele Gedanken die ich mir mache, durch den Alltag.

Ich habe vor Jahren von der Freundin einer Freundin erfahren, deren Kind sich vor einen Zug geworfen hat. Wegen eines schlechten Zeugnisses. Gibt es etwas schrecklicheres? Was würde die Mutter heute ändern, wenn sie ihr Kind wieder hätte? Wäre ihr eine Deutsch-, Mathe- oder Geschichtsnote nicht scheißegal? Kann man sich nicht auch noch im Erwachsenenalter auf dem 2. Bildungsweg schlau machen? Mir war die reine Erzählung Lehre genug um zu verstehen, was ich nicht will. Ich lasse meine Kinder nicht als Mensch benoten oder bewerten, weil sie kein Talent für Chemie, Sport oder Geschichte haben. Sie können nicht alles können. Kann ich auch nicht. Eine schöne Kindheit ist für mich mehr wert, als durchbüffelte Nachmittage oder Wochenenden. Wohin das führt? Keine Ahnung. Wenn wir später alle dem Staat auf der Tasche liegen sage ich euch bescheid. Bis dahin warte ich ab, was sie mögen, was sie anfixt, wohin die Reise geht.

Und genau aus diesen Überlegungen heraus habe ich neulich beim Mittagessen gefragt, was von unserer Erziehung sie später an ihre Kinder weiter geben wollen. Ich fand schon mal super, dass keiner gesagt hat: Ich will keine Kinder 😁. Kind 1 wollte wissen, was für einen Erziehungsstil ich meine. Anscheinend spürt er keinen 😂. Ich mag das Wort ja auch nicht. Man kann das durchaus ersetzen durch Werte oder Rituale. Letztere mag ich zum Beispiel sehr gerne. Ich ritualisiere wie der Teufel. In der Vorweihnachtszeit kommt der Kicker vom Dachboden und dann gibt es jeden Abend ein Duell bis einer heult. Absolute Torköniginnen sind Kind 2 und ich. Einmal in der Woche koche ich etwas Neues. Wir sammeln unser Kleingeld und wenn die Vase voll ist, gehen wir alle zusammen essen.

Einmal am Wochenende ist Fernsehabend. Mit Knabberkram, Sofakuscheln und allem drum und dran. Wer Geburtstag hat ist Königin/König für einen Tag. Wir spielen Sockenmemory. In den Ferien wechsele ich die Zahnbürsten. Zu Beginn der Ferien gibt es eine Pizza. Ich lese immer noch vor, wenn das gewünscht wird. Wer Unfug macht, muss für die Konsequenzen gerade stehen. Ich sage im Voraus an, wann etwas beenden werden muss (Spiele, Fernsehen, aufräumen). Ich möchte dass wir uns ab und zu fragen wie der Tag war. Wir hören auf zu essen, wenn wir satt sind (da hinke ich hinterher). Wir üben kontinuierlich „Bitte, Danke, Gesundheit, Entschuldigung, guten Morgen, guten Appetit, gute Nacht und ich hab dich lieb“. Und das sind nur einige meiner Rituale.

Darum hat mich interessiert wie die Kinder das sehen. Kind 1 würde seinen Kindern mehr Medienzeit gewähren. Als ich lachend auf dem Fußboden zusammen breche, weil mir gar nicht bewusst war, dass er da eine Einschränkung hat (außer dass die Elektronik nicht mit zum schlafen aufs Zimmer geht) redigiert er schnell, dass wir ihn aufs Gymnasium geschickt haben und er GAR KEINEN PLAN HATTE von Homepage-Programmierung, googeln und Online-Banking.

Aha. Böse Rabeneltern wir. Ehrlich, nicht zu lachen fällt so schwer. Außerdem, sagt Kind 1, hätte er später immer gute Laune. Sein Blick geht zum Anmichrangetrauten. Mal abgesehen davon, dass Kind 1 das schlecht gelaunteste Kind auf dem Planeten ist, wenn ich ihn werktags wecke, wissen wir jetzt von wem er das geerbt hat. Ich habe überlegt mir das für seine Kinder schriftlich geben zu lassen.

Er würde später mit seinen Kindern auch gerne kochen. Dass er keinen Schuldruck hat findet er super. Das viele seiner Wünsche in Erfüllung gehen (selbst wenn es manchmal echt lange dauert) auch. Das will er seinen Kindern auch ermöglichen. Das wir Quatsch machen, wird ihm jetzt langsam peinlich. Er würde seine Kinder immer ausschlafen lassen. Er selber geht arbeiten, seine Frau auch. Was sie arbeiten weiß er doch jetzt noch nicht (MAMA!!!) Das wars.

Kind 2 würde das mit dem Kochen auch so machen. Tiere haben ist ausdrücklich erwünscht. Kinder sollen auch etliche her, mit denen sie in unserer Nähe wohnt (oh Gott!). Bei ihr dürfen eigentlich alle alles außer gemein sein. Sie geht ebenfalls arbeiten, aber nicht so viel wie ich. Ihr Mann muss im Haushalt helfen. Ansonsten wird alles so gemacht wie hier. Basta.

Und während ich mit ihnen am Tisch sitze und zuhöre und beobachte wie sie mit hochroten Köpfen diskutieren und planen, geht mein Herz über. Diese beiden Wunschkinder die da sitzen, sind echte Persönlichkeiten. Im Lauf ihres Lebens werden sie erst merken, dass sie zwar reifen, aber auch mit 45 Jahren den 15jährigen in sich wieder finden oder die 30jährige die 11jährige von damals mit sich herum trägt. Eigentlich kann ich sie jetzt schon nur noch begleiten. Den Menschen mit Neigungen, Talenten und Leidenschaften sind sie jetzt bereits. Sie werden bald in Versuchung geführt von der Welt und Mitmenschen und können sich dann hoffentlich besinnen auf ihre Werte und was wir versucht haben zu vermitteln. Ein paar Jahre noch sind wir ihre Helden. Ich bin so was von gewillt jede einzelne Sekunde zu genießen, die Schönen und die Schweren, bis sie auszuziehen um die Welt zu erobern.

Ich bin so glücklich über diese wundervollen Menschen, so angefüllt mit Liebe, dass man das unmöglich in Worte fassen kann.

Deswegen gehe ich jetzt nach oben und werde sie fett und gnadenlos durch kitzeln. Die beiden Stinketrullas sind nämlich noch wach und denken ich merke es nicht…

Bevor ich sie kreischen lasse, ein Fazit:

Erziehung ist vorleben und lieben. Nicht weniger und nicht mehr. Schwer, aber schön.

Gute Nacht und bis die Tage,

Dagmar

4 Gedanken zu “Kinderkram

  1. Wie wundervoll geschrieben!
    Genau so sehe, fühle und denke ich das auch. Manchmal gelingt das bei mir mit das Geduld gut und manchmal eben nicht. Ich bin eben Mensch.
    Deshalb geht sie auf die KGS in Moringen weil sie einen etwas anderen Blick auf die Kinder haben als nur nach NotenLeistung zu gehen! Und ich erinnere mich eben gut an meine Schulzeit. Wie unwichtig manchmal eine Note ist und wie wichtig das Miteinander!
    Sie liebt ihre Schwerpunktklasse „Musik und Theater, genießt die Vorführungen die sie erarbeiten und ich weiß, dass das mehr schult als eine Stunde Chemie 😎

    Das mein 11 jähriges Pubertier mir alle Ängste (seien sie noch so „belanglos“ und unbegründet), Sorgen, alle tollen Erlebnisse und jede Zickerei (auf die Ausführungen könnte ich verzichten aber gehört eben dazu) sogar von ihrem ersten „Freund“ erzählt, lässt mich hoffen nicht alles falsch gemacht zu haben 😎
    Ich hoffe sie genießt so eine tolle Jugendzeit wie wir sie hatten mit viel Lachen und einer Freundin an ihrer Seite der sie blind vertrauen kann.

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