Landleben vs. Realität

Kennst du das? Manchmal hab ich einfach Lust Lebensmittel selber zu verarbeiten. Wie früher meine Oma. In meiner Vorstellung werkele ich dann in der Küche und produziere gar wundervolle Dinge. Selber Brot backen, Nudeln machen, Marmelade und Geele einkochen, Säfte und Liköre herstellen. Hab ich alles schon gemacht. Ich bin immer auf der Suche nach einfachen, köstlichen Rezepten für die ich regionale Produkte verwenden kann und wenn es super läuft, sogar alles was unser Garten und die Hühner hergeben. Meistens gelingt das und es ist ein befriedigendes Gefühl, Nahrungsmittel zu verarbeiten und haltbar zu machen. Mich entspannt das und ganz oft bekomme ich Anerkennung in Form von Sätzen wie: Mama, das schmeckt so lecker! Wenn das kein Ansporn ist.

So ist es also nicht verwunderlich, dass ich vor einiger Zeit, bei einer Leserunde durch die Blogs die ich sehr mag, aufmerksam verfolgte, wie jemand selber Birnensaft produziert. Fein. Da wir zwei alte Birnenbäume haben, die alle zwei Jahre reichlich tragen, kam mir das sehr gelegen. 300kg Birnen hatte der Anmichrangetraute schon zur Mosterei gefahren. Ich googelte glückselig nach Rezepten mit Birnen und kochte 5 Gläser Birnen-Zwiebel-Chili-Chutney. Sehr lecker! Frohen Mutes dachte ich an den Birnensaft, der ganz ohne den Zusatz von Zucker nur minimal erhitzt wird. Jetzt hab ich nichts gegen Zucker, vermutlich nehme ich jeden Tag ein Pfund davon in allen möglichen Lebensmitteln zu mir, aber wenn ich heile Welt spiele, dann richtig.

Alles was ich für den Birnensaft benötigte war, neben Birnen, noch einige Glasflaschen und ein Kochthermometer. Einen Entsafter nenne ich schon mein eigen. Ich zog also letzte Woche los und besorgte einige Flaschen. Ein paar verstaubte Bügelflaschen mit Holunderbeersirup von 2014, fand ich noch in der Vorratskammer und entsorgte ihn gleich. Der Fortschritt mach ja auch vor Flaschen nicht halt und so kaufte ich hübsche Exemplare mit Twist-Off-Deckel und Metallschraubverschlüssen. Einzig beim Kochthermometer gab es Probleme. Ich bekam es nirgendwo im örtlichen Handel. Entweder war das Letzte gerade verkauft oder es hatte nie welche gegeben. Nach dem 4. Laden hatte ich die Schnauze voll und bestellte beim großen A….. im Internet. Leider war es schon Donnerstagabend, so dass mit einer Lieferung am Freitag nicht mehr zu rechnen war. Schaade. Jeden Tag lief ich an den Körben voller Birnen vorbei und war vorfreudig. Am Samstag dann endlich die Nachricht, dass das Produkt heute zugestellt wird. Hurra. Dummerweise musste ich den ganzen Tag in der Hundeschule arbeiten obwohl ich so gerne mit der Produktion begonnen hätte. Heute war es dann endlich so weit. Nach einem ausgiebigen Frühstück mit meiner Familie machte ich mich an die Arbeit.

Die Flaschen die schon ausgewaschen waren, wurden ausgekocht. Der Entsafter rein geholt und nach erneutem auswischen zusammen gebaut. Birnen gewaschen, geputzt und gestückelt. Der Anmichrangetraute hatte mittlerweile Speierlinge gepflückt, die in kleinen Mengen dazu sollten. Eine sehr nützliche alte Obstsorte, die durch ihre Bitterstoffe und das Pektin für eine noch bessere Haltbarkeit sorgen.

Die ersten 3 Durchgänge mit dem Zentrifugalentsafter klappten einwandfrei. Dann wurde das Gerät lauter. Als ich gerade überlegte, ob ich den Sammelbehälter leeren soll, fing es an zu qualmen. Ich gebe zu, meine Motivation erlitte da zum ersten Mal einen Knick. Der Anmichrangetraute baute alles auseinander während ich den nur mäßig gefüllten Behälter mit Saft in einen Kochtopf schüttete. Das Ganze muss nun bei 70 Grad zwanzig Minuten erwärmt werden. Auch das hatte ich mir irgendwie leichter vorgestellt. Auf kleiner Flamme kam ich nicht über 50 Grad, auf großer Flamme schnell über 80 Grad. Bei 71,7 Grad stand ich dann 20 Minuten mit dem verfickten Thermometer in der Hand und regelte fröhlich hoch und runter, zog den Topf von der Platte und stellte ihn wieder darauf. Wie meine gelassene, souveräne Oma kam ich mir nicht vor. KEIN BISSCHEN.

Nach der Erwärmungsphase schüttet ich den Saft, der mit unfassbar viel Schmodderschaum versetzt war, in ein mit einem Küchentuch ausgelegten Sieb. Das Tuch kräftig drehen, Pfoten verbrennen und voila, unten kommt noch viel weniger Saft raus, als es eh schon war. Ein Blick auf die 27262618 ausgekochten Flaschen, horchen wo die Kinder sind und fluchen wie ein Bierkutscher.

Im Hintergrund hat der Anmichrangetraute die Scheissentsafter wieder flott gemacht und die nächsten 3 kg Birnen und ein paar Speierlinge durchgejagt. Mein durchgedrückten Saft sollte jetzt, nach Vorbild aus dem Internet, noch durch einen Kaffeefilter in die Flasche gefiltert werden. Kein Problem, wenn dafür wie auf Bildern gesehen, diese honigfarbene, klare Flüssigkeit in die Flaschen tröpfelt. Also hab ich meine vorhanden Kaffeefilter aus feinstem Plastik heraus gekramt (jaaa, ich hatte in den letzten Jahren auch mal Bock auf handgefilterten Kaffee), Papiertüte einsetzen und los.

Nix und los. Die ersten 2 Milimeter waren schnell durchgelaufen, danach ging gefühlt nichts mehr. Nach 30 Minuten hab ich eine neue Filtertüte eingesetzt. Gleiches Spiel. Nach 1 1/2 Stunden war eine sehr, sehr kleine Flasche voll und ich mit den Nerven am Ende. Also hab ich ab sofort den Saft in Flaschen gefüllt, der nach der unsäglichen Küchentuchdrückerei heraus tröpfelte. Ironischerweise sah er genauso aus, wie die Plörre, die durch den Filter getropft war. Fuckmistpiss.

Dann hab ich den Rest verarbeitet, den der Anmichrangetraute entsaftet hatte. Also wieder an Kochpott stehen, nie genau 70 Grad erreichen und alles durch ein Tuch seihen.

Jetzt, nach über 4 Stunden, bin ich stolze Besitzerin von 6 1/2 Flaschen Birnensaft, die allerdings noch 10 Minuten bei verschissenen 90 Grad eingekocht werden müssen. Die Küche sieht aus wie Sau, die Kinder fragen minütlich wann sie den endlich trinken können und aus unerfindlichen Gründen, hab ich schlechte Laune. Vermutlich wird der Saft Kacke schmecken, denn die Speierlinge habe ich eben probiert. Entsetzlich bitter UND sauer. Dreckszeug.

Und den blöden Birnenkuchen, backe ich jetzt auch nicht mehr.

Also, scheiss die Wand an und bis die Tage,

eure Saft-Ma

Notiz an mich selber: Birnensaft kaufen!

2 Gedanken zu “Landleben vs. Realität

  1. 🤣Ich erkenne mich gerade wieder!
    Früher immer mit meinen Großeltern alles mögliche eingekocht und Marmelade und Saft gemacht. Alles war so einfach….wenn ich heute in der Küche stehe und mal wieder die glorreiche Idee hatte, irgendwas an Obst oder Gemüse selber zu verarbeiten, kann sich das Ergebnis zwar sehen lassen, aber meist muss es dann auch für 2 – 3 Jahre reichen!

    Liken

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