Tagebuchdepression

… hatte ich nicht. Aber nach meinem Kurdisaster (Kind 1 krank, Kind 2 krank, ich krank, beide Kinder krank usw.) habe ich mit 39 Fieber und einem von Brechdurchfall geplagten Kind die Heimreise angetreten. Der Anmichrangetraute war mittelschwer beeindruckt, dass er 3 körperliche Wracks, die Ähnlichkeit mit seiner Familie hatten, zurück bekommen hat. Also nichts mit aufgeladenen Batterien und so. Ich war locker noch 7 Tage krank, bevor ich wieder zur Arbeit gegangen bin.

In dieser Zeit habe ich mich besser erholt, als in den 3 Wochen an der Ostsee. Nein, die Unterbringung war gut, das Essem toll und die Angebote an Therapien, Vorträgen und Freizeitangeboten, wenn ich hätte teilnehmen können, wirklich vielfältig. Die Belegschaft der Kurklinik konnte auch nichts für die sich immer weiter ausbreitende Magen- und Darmgrippe oder grippalen Infekte mit Fieber. Daran waren mehr die selbstsüchtigen Muttis schuld, die ihre Kinder fröhlich, trotz Quarantäne, in Kinderclub, Schwimmbad oder Cafeteria geschickt haben, damit sie entweder selber an all ihren Therapiemaßnahmen teilnehmen konnten oder weil sie gemeinsam mit ihren Kindern Spaß haben wollten. Krankes Kind hin oder her. Wir haben Spaß. JETZT!

Als ich so siechend hernieder lag, hatte ich auch endlich Zeit zu verarbeiten, was mich in den drei Wochen am meisten mitgenommen hat. Obacht, jetzt kommt eine persönliche Wertung: Der hartherzige, brutale, unmenschliche, hirnrissige und empathielose Umgang einiger Mütter mit ihren ausgelieferten, ungeschützten und doch so zuckersüßen, noch kleinen Kindern. Ich habe so manche bittere und hilflose Träne um diese kleinen Menschlein geweint. Natürlich findest du immer und an jeder Ecke einen ungefragten Ratgeber der dir dann erklärt, dass du das nicht so nah an dich heran lassen darfst, dass du dir deine eigenen glücklichen Kinder angucken sollst und dass man eben gut für die entsprechende Mutter sorgen musst, damit sie dass irgendwann an ihre Kinder weiter geben kann. Soll ich sagen was ich in solche. Momenten denke (das Tagebuch ist übrigens nur für Erwachsene geeignet) ?

Ich denke: “ Fick dich ins Knie du blöder Idiot. Und ja, fick dich gleich nochmal“. Zeit meines Lebens erzählt man mir, dass das nicht gut, professionell, gesund ist, wenn ich mitfühle. Wenn ich so etwas wie dort geschehen ist, am besten unter den Teppich kehre,  mein Maul halten soll, tun als wäre nichts geschehen. Dann kommen Vorträge dass es ja noch viel schlimmeres gibt und dass das, wenn ich noch mal in Ruhe darüber nachdenke, echt nicht sooooooo schlimm war. Abgrenzen soll ich mich.

Ganz ehrlich ? In jungen Jahren habe ich über so etwas nachgedacht und versucht anders zu sein. Heute wünschte ich mir, es gäbe mehr solcher Leute die hinsehen. Menschen die sich nicht abgrenzen, die aufpassen, die sagen dass das nicht okay ist, was passiert. Anscheinend, wenn man sich die ganzen Facebook Themen und Wahlergebnisse anschaut, sind ja ziemlich viele mit unserer Gesellschaft unzufrieden. Wenn einige der Kinder die ich in der Kur habe leiden sehen, zu erwachsenen Menschen heran reigen, kann zukünftig nichts besser werden. Den Zwergen mangelt es an nichts Materiellem (obwohl ich mehrfach gesehen und gehört habe das Mahlzeiten der Kinder zur Bestrafung abgebrochen wurden), aber an jeglicher menschlicher Zuwendung. Und verdammt noch mal, für die gestressten, hysterischen aber vor allem ausschließlich Ich-bezogenen Müttern, die den Namen eigentlich nicht verdienen, wurde dort in der Kur alles mögliche getan um ihnen zu helfen. Den Stress zu reduzieren, zu reflektieren, zu entspannen, Spaß zu haben. Für die Kinder gab es keine Hilfsangebote, außer sie möglichst den ganzen Tag von ihrer Mütter zu trennen, damit sie ein paar Stunden aufatmen können. Also die Kinder.

Ich war nur ein einziges Mal bei der hauseigenen Sozialpädagogin und der Grund war einfach: Ich ertrage den Umgang einiger Frauen mit ihren Kindern nicht. Ich hatte ernsthaft Angst zu eskalieren. Noch ein Morgen im Speisesaal neben dem Monster im Mutterkostüm und ich dachte, gleich verdresche ich sie…..

Natürlich war das Fazit, dass wir nichts tun können. Die Erfahrung zeigt, dass das Jugendamt am Wohnort, sofern informiert, einen angekündigten Hausbesuch macht und das wars dann auch. Leider. Dennoch hat mir das Gespräch gut getan. Die Therapeutin sagte mir, dass sie auch nicht verstehen könne, warum heute nur noch wenig Eltern einen Schritt zurück treten können um ihren Nachwuchs groß zu ziehen. Einfach eine zeitlang die Kinder in den Mittelpunkt stellen. Stattdessen steht immer nur das eigene Ich im Mittelpunkt: Ich will aber ausschlafen, in Urlaub fahren, mit Freunden feiern, arbeiten, Sport machen, stundenlang für mich shoppen, meinem Hobby frönen. Ich, ich, ich und trotzdem ein bis vier Kinder haben. Und im Grunde den ganzen Tag nur damit hadern, was man jetzt alles nicht machen kann. Wegen dem Kind/den Kindern.

Das bedeutet ja auch nicht, dass diese Dinge nicht wieder kommen. Aber alles zusammen ist mit kleinen Kindern oft nicht gut zu vereinbaren. Man muss Abstriche machen um den eigenen Nachwuchs groß zu ziehen. Eigentlich sollte das doch selbstverständlich sein. Die Sozialpädagogin hat mich trösten wollen indem sie mir gesagt hat, dass Studien belegen, dass Kinder die unter solchen schrecklichen Bedingungen aufwachsen, immer noch eine Chance haben, liebevolle, mitfühlende Erwachsene zu werden, wenn es in ihrem Umkreis nur eine Person gibt, die praktisch verrückt ist nach diesem kleinen Menschlein. Und so liege ich abends immer noch im Bett, stelle mir die Kinder vor und hoffe inständig, dass es im Hintergund noch eine Oma/einen Opa, einen Vater, eine Erzieherin oder Lehrerin gibt, die dieses Kind annimmt und liebt. Einfach so wie es ist: Einzigartig und wunderbar. Und so denke ich an die Worte mit denen sie mich entlässt: Das Eltern die ihre Kinder wirklich schwer mißhandeln, in der Öffentlichkeit dafür sorgen überhaupt nicht negativ aufzufallen. Das die Mütter, die sich nicht zusammen reißen können, wenn ein ganzer Speisesaal zusieht, auch im geschützen Zimmer nicht viel schlimmer sind zu ihren Kindern als in der Öffentlichkeit. Ich fühle mich nicht getröstet und bin kein bisschen beruhigt.

Ich gehe also weiterhin an Zimmern vorbei in denen Kinder schreien. Ich melde an der Rezeption das Kind, dass ohne Schuhe und Strümpfe auf den Balkon gesperrt wurde (im 4. Stockwerk). Ich schlucke einen Großteil meiner Verachtung und meines Hasses hinunter, wenn ich Gespräche mitanhören muss in denen frau sich gegenseitig  versichert, dass ein Klaps noch niemandem geschadet hat und schließlich jemand diesem Gör endlich mal zeigen muss, wo es lang geht. Die selbe Scheiße wie bei Hunde-, Pferde- und Katzenhaltern.

Und irgendwann ist es dann ja auch geschafft und die 3 Wochen sind um. Gelernt habe ich, dass ich mich nicht ändern kann und nicht ändern will. Außerdem will ich mich mit solchen Menschen nicht mehr abgeben. Wenn ich trotzdem dazu gezwungen bin, will ich auch zukünftig nicht mein Maul halten. Ich will nicht beschönigen, verharmlosen oder wegsehen. Ich will aufstehen, mit dem Finger auf sie zeigen und sagen “ Ich sehe dich. Was du machst ist falsch, schlecht, kein bisschen in Ordnung und nein, es ist ganz und gar nicht deine Sache“.  Egal ob für Mensch oder Tier.

Ich  weiß jetzt besser als je zuvor, dass ich meine häusliche, heile Welt brauche, um all den Wahnsinn der der da draußen geschieht, noch einige Jahre zu ertragen ohne zu verzweifeln. Ich wusste vorher schon, dass keiner von uns perfekt ist. Was bedeutet das auch schon und wer legt das überhaupt fest? Aber selbst wenn ich einen beschissenen schlechten Tag habe, gebe ich als Mutter mein Bestes und das reicht aus. Daran zweifle ich nie wieder.Für diese Erkenntnis war der Kuraufenthalt dann also vermutlich gut.

Nächstes Mal dann hier wieder unbedeutende Alltagsklünglei.

Gehabt euch wohl und bis die Tage,

Dagmar

6 Gedanken zu “Tagebuchdepression

  1. Ich versuche mein bestes zugeben. Auch wenn es nur als Tante ist. Vielleicht bin ich ja die eine auf die es ankommt.

    Wenn ich so etwas mitbekommen frage ich mich immer : warum die und nicht ich. Sie haben das was ich gern hätte und wissen es nicht zu schätzen.

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  2. Mir ist auch viel zu oft schleierhaft, warum sich gewisse Menschen entschieden haben, Eltern zu werden. Und dies auch noch mehrfach. Freude am Aufziehen der Kinder scheinen sie keine zu haben.

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  3. Jeden Gedanken,jedes Wort, jedes (mit-)Gefühl kann ich so gut und so tief mit- und nachempfinden. Auf vieles verzichten,wenn die Kinder klein sind…dies habe ich allerdings nie so empfunden….ich konnte(und wollte) auch nicht shoppen etc…aber:ich konnte viele andere schöne neue Dinge mit den Zwergen tun,erleben….Dinge,die ich heute niemals missen möchte. Danke für deine Gedanken und Gefühle ❤

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    1. Zumindest könnte man nach dem 1. Kind aufhören weitere zu bekommen. Es ist ja nicht immer klar, wie die Wirklichkeit mit Kind ist. Ich musste auch die ein oder andere Abgleichung zwischen Realität und Vorstellung vornehmen ;).

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