Bullerbü

… ist hier. Ich bin so verdammt froh, mir hier meine kleine Nische geschaffen zu haben. Noch nie habe ich den Besuch von Facebook und Co. so belastend empfunden wie im Moment. Verdammt, ich will gar nicht wissen was in den Köpfen all dieser Leute vorgeht, bin aber gezwungen es zu erfahren. So viel und schnell kann ich gar nicht weiterscrollen, wegklicken und blockieren wie sich dort Abgründe auftun.

Die Welt braucht mehr Lach- und Sachgeschichten !! Bereit ?

Dann los…

Im Jahr 2000 arbeitete ich in Göttingen bei einem Verkehrsverbund.
Trotzdem fuhr ich morgens mit dem Auto zur Arbeit. Geht doch nichts über Radio hören und ein Kippchen schmauchen, bevor der Tag los geht.

Es war Sommer und tierisch heiß. Ich fuhr einen recht altersschwachen Opel Kadett und der stand wegen des Wetters unabgeschlossen, mit heruntergekurbelten Fenstern, auf dem Hof.
Die ganze Nacht. Am nächsten Morgen fuhr ich wie immer zur Arbeit. Während des Vormittags fragte mich meine Kollegin, ob ich sie in
der Mittagspause zu einer Autowerkstatt fahren kann, weil ihr Wagen dort zur Reparatur stand. Natürlich, ich bin schließlich kein Kollegenschwein.

Während wir zur Werkstatt fuhren, schlug besagte Kollegin
vor, auf dem Rückweg ein Wettrennen zu veranstalten. Wer zuerst wieder am Arbeitsplatz sei, bekäme ein Stück Kuchen. Hintergrund war, dass sie erst vor kurzem aus Frankfurt nach Göttingen gezogen war und sich noch nicht besonders auskannte. Sie wollte wohl mir
und sich beweisen, dass es nun langsam mit der Orientierung bergauf ging.

Nun mag ich Kuchen nicht besonders, aber ich hasse ihn auch nicht.  Ich bin allerdings wahnsinnig ehrgeizig was Autowettfahrten angeht. Also habe ich die Wette angenommen. Ich wartete bei der Werkstatt (ca. 30 Grad im Schatten), während die Kollegin (nennen wir sie Ulla) die Formalitäten klärte, brav mit heruntergekurbelten Scheiben
(zu der Zeit träumte ich noch von einer Klimaanlage) und laufendem Motor.

Als Ulla vom Hof fuhr, gab ich ebenfalls Gas und so standen wir noch
gemeinsam an der 1. Ampelkreuzung. Dann folgten weitere Ampeln. Ich immer auf der linken Spur, Ulla auf der Rechten, wobei sie mich irgendwann aus den Augen verloren hatte und nie nach links sah. Ich lachte mich derweil kaputt weil ich winkend genau neben ihr stand und sie stur gerade aus sah, hoch konzentriert, weil unsere Arbeitstelle gar nicht so leicht wieder zu finden war.

Immer wenn die Ampel auf grün sprang, gab ich Gas. Alle Fenster waren unten und meine Haare wurden ganz schön in Unordnung gebracht. Ich weiß, dass sich das was ich jetzt beschreibe völlig dämlich anhört, aber als ich so dahin fuhr, wirbelten meine Haare durch die 4 offenen Fenster schön herum. Nur nicht am Hinterkopf.
Das war mehr ein Gefühl, als dass ich intensiv darüber nachgedacht hätte, ich war ja viel zu beschäftigt nach Ulla Ausschau zu halten.

Dann wieder eine rote Ampel. Kein Fahrtwind. Kein Haarefliegen.
Und weiter geht’s. Haare auf Sturm, nur nicht am Hinterkopf.
Nächster Stop, alles okay. Weiterfahren und Haare wirbeln, dieses Mal am GANZEN Kopf, aber irgendwie nicht mehr im Nacken…..komisch, aber keine Zeit darüber nachzudenken.

Wir näherten uns der Kreuzung an der wir links Richtung Stadthalle abbiegen mussten um den richtigen Weg einzuschlagen. Geradeaus dagegen, fährt man in die Fußgängerzone. Da sollte man aber an
einem Donnerstagmittag auf auf keinen hineinfahren.
Heißt schließlich FUSSGÄNGERzone. Nun, an der Ampel sah ich Ulla wieder neben mir stehen, sie mich allerdings nicht. Ich stand auf der Linksabbiegerspur und sie auf der die geradeaus führt. Das war mir nun doch ein wenig unheimlich und ich winkte und klopfte, aber sie sah
partout nicht herüber. Die Ampel sprang um, ich bog ab und sah noch wie Ulla fröhlich die Fußgänger aufmischte. Ich war hin und her gerissen zwischen  hysterischem Lachen und „Ach du SCHEISSE“.

Während ich also wieder fuhr, sah ich plötzlich aus den Augenwinkeln auf meiner rechten Schulter einen Schatten. Nun wird es Zeit, dass ich erzähle, ich gehöre eher zu den überlegten, bedachten Typen. Anders kann ich mir nicht erklären, warum ich nicht gleich nachschaute, was das war. Eine Millisekunde redete ich mir noch ein, dass es  mein Kragen ist, der im Fahrtwind flattert.
Ich hatte aber an meinen T-Shirt keinen Kragen…

Gut, dann muss es ein Schmetterling sein. Eben ein ganz, ganz Großer, dem Schatten aus den Augenwinkel nach zu urteilen.
Bitte Gott, LASS ES EINEN SCHMETTERLING SEIN, betete ich. Meinetwegen auch einen Nachtfalter.  OH BITTE !

Ich überlegte während der weiterfahrt krampfhaft, welche Tiere noch in meinem Auto sein könnten. Spinnen ???!!!!
Ich ekle mich grundsätzlich vor allen Tieren die mehr als 4 Beine haben
(Blutegel haben keine, deswegen mag ich sie ja). Noch mal kurz nach rechts geschielt und mir brach der Schweiß aus. Wenn das eine Spinne ist, sagte ich mir, dann muss das dem Schatten nach mindestens eine Tarantel sein.

So. In diesem Moment strömte eine nicht geringe Menge Adrenalin und Cortisol durch meinen Körper. Ich weiß echt nicht warum die
Leute Bungee Jumping machen oder so einen Käse. Ich begann wirklich alles von weit weg zu hören, nahm dafür meine Umgebung  haarscharf wahr und meine Nerven waren zum zerreißen gespannt. Ich schwitze wie ein Schwein, dabei hatte ich immer noch nicht hingesehen und betete, wünschte, ja flehte bloß einen blöden Schmetterling herbei.

Alles was ich im letzten Absatz geschrieben habe, dauerte in Wirklichkeit natürlich nur 5 – 8 Sekunden. Mein Verstand
arbeitet auf Hochtouren…….WAS WAR AUF MEINER SCHULTER UND WARF EINEN S C H A T T E N ????
Ich sah nach rechts und blickte nur Zentimeter entfernt in ein haariges,
schwarzes Gesicht mit funkelnden Augen.
Erwähnte ich schon, dass ich kreischende Weiber zutiefst verabscheue ?Nun, ich ließ sozusagen den Urschrei schlecht hin los. Dass ich mir nicht in die Hose gepinkelt habe, ist nur meiner Körperverkrampfung geschuldet ! Das Ding auf meiner Schulter, nicht bange, schrie zurück und zwar laut !

Dann habe ich als erstes meinen Wagen abgewürgt und zwar volle Pulle. Als nächstest (ich hab früher viele Bruce Lee Filme gesehen) katapultierte ich das schreiende Etwas (oder schrie ich immer noch, hm?) mit einem gezielten Handkantenschlag in den Fußraum des Beifahrerraumes.

Wie in Trance ließ ich den Wagen an und fuhr weiter. Komisch gell, ich
meine diese Reaktion. Aber dann kam das große bInnern. Ich schlackerte, zitterte, wackelte am ganzen Körper und kramte verzweifelt in meinem geschockten Hirn nach dem Gesicht,
dass ich gerade einen Zentimeter von meinem Gesicht entfernt gesehen hatte. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie einen solchen Schrecken erlebt. Ich hab mich mehrmals im Rückspiegel angesehen, weil ich überzeugt war, meine Haare wären mit einem Schlag schlohweiß geworden. Ehrlich.

Seit ihr mit dem Aufbau des Spannungsbogen zufrieden ?

Wenn man einen solchen Schock erlebt wie ich in dem Moment, dann kann man überhaupt nicht nachdenken. Ich kannte das Gesicht, ich wusste nur kein Wort für das Tier. Ich war so beschäftigt damit zu zittern, zu fahren und dabei ängstlich den dunklen Fußraum auf der Beifahrerseite zu beobachten, dass es ein echtes Wunder ist, dass ich keinen Unfall baute. Mir war plötzlich klar, warum meine Haare an bestimmten stellen nicht geflattert haben im Fahrtwind, nämlich weil „ES“ dort saß. Dann muss es sich weiterbewegt haben in den Nacken. Dort fühlte es sich dann an, als flatterte mein Kragen, dabei hatte ich doch keinen Kragen. Arrrrrgggghhh !!!!

Und dann viel mir auch wieder das Wort zu dem Gesicht ein:

Fledermaus !

Auf meiner Schulter hatte mit ausgebreiteten Flügeln eine Fledermaus
gesessen. Fledermaus. Ich habe gar keine Angst vor Fledermäusen. Das heißt aber nicht, dass ich mich nur wenige Zentimeter vom Gesicht entfernt, gerne von ihnen anbrüllen lassen. Ich war so geschockt, dass ich begann wie eine schwachsinnige zu lachen (meine Kollegen werden wissen was ich meine), vor Glück dass es keine Tarantel war und weil lachen immer noch besser ist als flennen.

Ich weiß nicht mehr wie ich auf den Parkplatz gekommen bin. Aber bevor das Auto stand, war ich schon draußen. Natürlich war meine Kollegin noch nicht da, die kurvte fröhlich in der Fußgängerzone
umher. Ich hibbelte auf dem Parkplatz herum wie aufgezogen.

Geschüttelt von Lachkrämpfen und Selbstgesprächen
(„Ach du Scheiße, das glaubt mir wieder keiner“), konnte ich nicht eine
Minute still stehen. Ich glaube das nennt man Stressabbau. Minuten später kam Ulla an. Sie stieg lachend aus dem Auto und sagte:
„…Hahaha, weißt Du wo ich war ?“.

Ich: „Schnauze, ich hab eine Fledermaus im Auto !“

Sie: “ ,,,,ich war in der Fußgängerzone, da darf man gar nicht rein…..“

Ich: “ ULLA…ich habe eine FLEDERMAUS im AUTO!“

Sie: „Du hast den Kuchen gewonnen….bist du schon lange da ?“

Ich: „Kannst Du mich hören….HALLO….ich habe eine Fledermaus im Auto“

Sie: „Ich komme aus Frankfurt, ich habe Angst vor Tieren…..“.

Wir gingen gemeinsam zum Wagen und ich erzählte in Kurzform meine
Geschichte. Staunendes Schweigen. Ob ich sicher sei, dass es eine Fledermaus gewesen wäre. Zwischenzeitlich war ich nicht mehr sicher, obwohl ich am Abend vorher nichts getrunken hatte. Das Ganze war dermaßen unwirklich. Vielleicht war es doch ein Schmetterling ?
Haben die nicht auch Gesichter ? Aber schreien die auch zurück ?

Schnell war klar, die Maus muss raus. Ich konnte unmöglich die 35 km lange Heimfahrt antreten mit einer Fledermaus die sich IRGENDWO in meinem Auto aufhielt. War sie überhaupt noch am Leben ?Ohnmächtig?Ich meine, meine Handkantenschläge sind nicht von schlechten Eltern.
Ich tat also, was getan werden musste (wie Clint Eastwood früher) und
öffnete die Beifahrertür. Nichts zu sehen im Fußraum. Wieso sind die Gummimatten eigentlich immer schwarz und nicht weiß?

Ich hatte jedoch einen heißen Verdacht ! Bestimmt saß das Biest unter dem Beifahrersitz. Jeder weiß, dass es Fledermäuse gerne dunkel mögen. Sollte ich drunter schauen ? Ich habe als Jugendliche ziemlich viele Horrorstreifen gesehen, obwohl ich sie nicht mag. Mir war klar, dass sobald ich unter den Sitz sehen würde die Maus  durchstartete, gradewegs in mein Gesicht. Das wollte ich nicht. Aber im Auto sollte sie auch nicht bleiben. Also habe ich mich mit äußerster Zurückhaltung in den Wagen gebeugt und nach vorne gelehnt. Auf Hilfe von Ulla,
war nicht zu hoffen. Sie stand einige Meter entfernt und brabbelte: „Angst, Frankfurt, ohne Tiere aufgewachsen, beißen die“……und solche Dinge.

Das hat meine nervliche Anspannung nicht gerade beseitigt. Aber es nütze ja nichts, Dreibeiner (also Männer) waren wie immer keine in der Nähe (wenn man sie mal braucht).
Folgendes Bild:
Ich kniee im Fußraum des Auto, geöffnete Beifahrertür, und luke unter den Sitze, als Ulla anfängt zu brüllen :
“ DAAAA IST SIIIIEEEEEE“.
Im Nullkommanix bin ich (obwohl sonst unsportlich) hochgeschossen und mit dem Kopf unter das Wagendach geknallt. Als ich wieder einigermaßen denken konnte, hüpften wir beide kreischend (schon zum zweiten Mal. Herrje) über den Parkplatz.

Ich: “ Wo wo wo wo wo wo wo……..

Sie: “ Da da da da da da da da ……….

Die arme Fledermaus hing an meiner Beifahrertür (Kopf nach unten
logischerweise) und sah völlig fertig aus mit der Welt. Ehrlich gesagt, wirkte sie auf einmal regelrecht klein. Aber sie hatte ja auch die Flügel zusammen gefaltet. Das zu meiner Ehrrettung.

Ich ging hin und versuchte sie mit meinem Haustürschlüssel zu überreden, das Futter meiner Türverkleidung loszulassen.
Aber sie wollte nicht. Ich versuchte es weiter, da fing die Arme wieder an zu schreien. Nee, es war mehr ein piepsen und schon ging mir das Herz über. Der arme Schatz.

Muss sich nachts verflogen haben und in meinem Auto gelandet sein. Dann tagsüber bei der Bullenhitze ist sie am Sitz hochgekrochen. Da der Kadett Kopfstützen mit großen Löchern drin hat, wohl geradewegs  hindurch und auf mein Haupthaar. Na ja, den Rest der Geschichte kennt ihr. Ich war dann so beschäftigt damit, mir auszumalen, dass es bestimmt noch eine Baby-Fledermaus ist, die ich nun von Familie und Schwarm getrennt habe, dass ich keine Probleme mehr hatte, den
kleinen Schreihals in die Hand zu nehmen und im angrenzenden Park fliegen zu lassen.

Abends erzählte ich dem Anmichrangetrauten die Geschichte und er hörte zu, ohne mit der Wimper zu zucken oder gar zu lachen. Als ich aber zu der Stelle mit dem Handkantenschlag kam, sagte er voll Empörung und mit tiefer Abscheu: “ Spinnst Du, die stehen
unter Naturschutz. Was soll die denn jetzt in Göttingen machen ?“

Darauf weiß ich bis heute keine Antwort. Ich weiß, ich bin ein
Scheusal….*schnief*. Die Geschichte hätte aber auch eine andere Wendung nehmen können. Ich hätte einen Unfall verursacht, die Fledermaus wäre durch die geöffneten Fenster hinaus geflogen und der eintreffenden Polizeistreife hätte ich lallend berichtet:
Ich hatte eine Fledermaus im AUTO…..

Ich glaube, ich säße heute nicht hier.

Deswegen schließt eure Fenster. Gehabt euch Wohl und bis die Tage,

Dagmar

3 Gedanken zu “Bullerbü

  1. Eindeutig meine lieblings Geschichte.
    Ich hab sie schon so oft gehört und nun auch 3x gelesen.
    Ich hab Bauchschmerzen und Panik Attacken.
    Seit dem Tag, an dem ich sie das erste mal gehört habe, schau ich immer ganz genau, dass mein Auto zu ist.
    😂😂😂😂

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