Das Vieh macht mich verrückt

Nein. Es geht nicht um den Dödi. Ich weiß nicht genau um was es geht. Aber ich beginne am besten von vorne.

Morgens zwischen 6.00 Uhr und 6.30 Uhr pflege ich draußen meinen ersten Kaffee zu nehmen. Ja, ich rauche dabei, wenn ich nicht gerade eine Nichtraucherphase habe. Vor ca. 4 Wochen, ich sitze gerade draußen, kräht wie immer unser Hahn. Er heißt übrigens Ludger.

Es ist stockdunkel und ich führe die Tasse an die Lippen als plötzlich aus  dem Garten eine Antwort ertönt. Allerdings nicht so melodisch wie einen Hahnenschrei. Der ist ja eher so: öh öh öh öööööööh. Die Antwort des anderen Vogels klingt eher so: ööööööööööööööh. Es hört sich laut an. Also ist das, was da versucht zu krähen, kein Winzling. Das Spiel geht hin und her. Ludger legt vor, das Vieh zieht nach. Einen Moment lang denke ich, die Nachbarn haben einen Zwerghahn. Aber nein, der Ruf kommt definitiv aus unserem Garten.

Da mein Mann gerade im Einsatz ist und meine ornithologischen Kenntnisse beschränkt, zücke ich das iPhone um den Ruf aufzunehmen. Die Aufnahme läuft. Ludger legt vor: öh öh öh ööööööööh. Fein.

In diesem Moment schießt aus der Dunkelheit ein Amselmännchen ins Licht, kracht gegen die Regenrinne und fällt neben meinen Kaffee auf den Tisch. Von diesem Moment an, schweigen Ludger und das Vieh.

Auf meiner Tonaufnahme hört man Folgendes: Nichtsnichtsnichts…..Boing, Bumm…ach du scheiße, was machst du denn? Geht es dir gut ? Himmel hast du mich erschreckt…flatterflatter…Amselgezeter.

Abends am Telefon hab ich meinem Mann davon erzählt. „Du, das könnte ein Star sein“, sagt er. „Die ahmen gerne mal nach“. Aber im stockdunklen ? Und sind die jetzt noch da ? Und es hört sich viel größer an, als ein kleiner Star. Ich bin überhaupt nicht überzeugt.

Am nächsten Morgen fliege ich draußen fast weg. Sturm. Aber, das Vieh ist nach den ersten Rufen von Ludger zur Stelle. Ich drücke auf Aufnahme und drehe die Lautstärke ganz hoch. Als ich mir das Memo anhöre hört man: Windwindwindwind. Kein Vieh. Es ist zum verrückt werden.

Am dritten Morgen, ich sitze leicht angespannt draußen. Es ist windstill, dunkel und totenstill. Der doofe Ludger will ums verrecken nicht krähen. Das Vieh rührt sich auch nicht. Ich gebe zu, in der Zwischenzeit habe ich mich auf der Webseite vogelstimmen.de hoch und runter gehört. Ich überlege welche Vögel krähähnliche Geräusche machen können. Ich höre mir Wachteln, Rebhühner und sicherheitshalber Stare an. Ich lausche Auerhähnen, Fasanen und Eichelhähern. Ich bin sicherheitshalber bei Elstern, Krähen und Raben. Nichts.

Am nächsten Morgen ist mein Mann wieder da. Während er im Badezimmer ist, sitze ich draußen und horche in die Dunkelheit. Ludger kräht, das Vieh schweigt. Cool, diese Kombination hatten wir noch nicht. Mein Mann verlässt den Hof und kratzt vor dem Tor die Autoscheiben frei. Das Vieh kräht. Wie um mich zu veralbern hat es geübt und hört sich jetzt so an: Öööööööööööh öööööööööööööh. Ich springe auf und brülle die halbe Straße zusammen. Mein Mann hört nichts, weil er wie ein Berserker an den Scheiben herum kratzt. Danach steigt er ins Auto und fährt zur Arbeit. Ich schlage mittelheftig meinen Kopf auf die Tischplatte und verfluche das Vieh. Mittlerweile schweigt es wieder, vermutlich wegen meines Ausbruchs.

Die Tage vergehen. Ich will meinen Kaffee nicht mehr draußen trinken, weil außer Ludger und mir, anscheinend niemand meinen imaginären Vogelfreund hören kann.

Ein paar Tage später, mein Mann sitzt auf der Toilette, brüllt er plötzlich los. „Ah“ denke ich, „Klopapier ist alle“. Aber irgendwie hört sich das Rufen anders an. So aufgeregt ist er sonst ohne Klopapier nicht. Als ich näher komme, weiß ich warum. Durch das Badezimmer hat er das Vieh gehört. Endlich. Ich höre keine Stimmen. Er kann es auch hören. Und wie niedlich aufgeregt er ist. Das Thema Star ist sofort vom Tisch. Das da draußen hört sich größer und lauter an. Ich bin fasziniert davon, das „mein“ Vieh jetzt öööööh öööööh öööööh tönt. Der Bursche lernt dazu. Ludger ist außer sich, weil der vermeintliche Rivale direkt in Stallnähe ruft. Kurz überlegen wir, ob eine verrückte Henne kräht. Das passiert manchmal. Aber die Hühner samt Ludger sind noch im Stall. Vieh hingegen, sitzt irgendwo draußen.

Mein Mann macht stolz eine Aufnahme. Später am Tag schickt er sie mir per Kurznachricht. Ich präsentiere sie meiner Kollegin. Man hört nichts. Also fast nichts. Ludger ist gut getroffen. Vom Vieh keine Spur. Ein Vampirvogel. Vampire kann man im Spiegel nicht sehen. Vampirvogelschreie kann man nicht aufzeichnen. Ich sollte die Geschichte für immer vergessen, sonst werde ich noch verrückt. Immerhin ist mein Ehemann auch verrückt, schließlich hört er Vieh auch.

Die Wochen vergehen. Manchmal ist Vieh da, manchmal nicht.

Ich kürze die Geschichte ab. Heute morgen habe ich einen wunderbare Aufnahme von Vieh gemacht. Und ja, man kann ihn deutlich erkennen. Sogar meine Arbeitskollegin. Und ein ornithologisch versierter Freund meines Mann. Der tippte spontan auf Zwerghahn. Das können wir ausschließen. Außer Ludger lebt kein Hahn in unserem Garten. Mir zeigt das, wie gut Vieh mittlerweile krähen gelernt hat. Soweit so gut. Leider fehlt mir das technische Verständnis um die Aufnahme hier einzufügen.

Dennoch bin ich gerne bereit diese Aufnahme zu verschicken, wenn mir nur irgendjemand sagen kann, was Vieh ist. Das macht mich noch ganz verrückt. Womit ich einen eleganten Bogen zum Titel geschlagen habe, findest du nicht?

Unser Garten bleibt weiterhin ein Dschungel. Ich habe dort schon 2 Waschbären, einen Fuchs, einen Haufen Igel, 2 sich liebende Blindschleichen, Lurche, einen Hirschkäfer, unzählige Frösche und allerlei anderes Gedöns gefunden. Der neustes Zugang heißt Vieh.

Hütet euch vor Viechern. Gehabt euch wohl und bis die Tage,

Dagmar

6 Gedanken zu “Das Vieh macht mich verrückt

  1. Dagmar, danke für den Link. Mein Menne und ich haben göttlich gelacht. Schön so an deinem Leben teil zu haben. Ich liebe diesen Blog jetzt schon. 😂

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